Infrarotfotografie

ich sehe was, was du nicht siehst…

Einführung

Ich sehe was, was du nicht siehst…

…können Infrarotfotografen zu Recht allen anderen zurufen. Infrarotphotographien zeigen uns die Welt in einem anderen Licht. Während uns Form und Gestalt der Motive vertraut sind, reflektieren diese das unsichtbare Infrarotlicht auf eine unerwartete Art und Weise. Pflanzen erstrahlen in einem reinen Weiß, während der Himmel fast schwarz ist, getupft mit wiederum weißen Wolken. Infrarotbilder sind Fenster in eine uns Menschen verborgene Welt, denn infrarote Strahlung ist unsichtbar und farblos. Erst die Kamera gewährt uns Einblick und übersetzt ins Schwarzweiße oder in Falschfarben. Sommerliche Landschaftsaufnahmen können mit ihren hellen Pflanzen und dunklem Himmel unheimlich wirken und zugleich freundlich, da man den Aufnahmen noch immer den Sommer und den Sonnenschein anmerkt. Portraits schmeicheln, lassen sie doch jedwede Rötungen wie Sommersprossen und Pickel verschwinden, aber die Augen geraten bisweilen stechend schwarz. Sonnenbrillen und Rotwein dagegen werden transparent. Aus diesen Spannungen und Überraschungen ergibt sich die besondere Ästhetik von Infrarotphotographien. Diese Spannungen zu sehen und für die Photographie zu nutzen bedarf einer anderen Sichtweise als die Photographie im sichtbaren Spektrum.

Infrarot?

Das Licht, das wir Menschen sehen, ist eine elektromagnetische Strahlung, ebenso wie z.B. Radiowellen, die wir nicht sehen können. Auch Infrarot ist eine elektromagnetische Strahlung. Im Spektrum liegt das sichtbare Licht zwischen 380 und 780 nm Wellenlänge, wobei Blau am kurzwelligen Ende ist und Rot am langwelligen. Infrarot schließt sich direkt an Rot an und reicht von 780 nm bis 1 mm, wobei uns nur ein kleines Band interessiert. Das sog. Nahe Infrarot reicht bis 3000 nm, dadrin findet sich das IR-A Band bis 1400 nm und schließlich gibt es das fotografische Infrarot, auch Colorinfrarot, kurz CIR, das bis 1000 nm reicht. Analoge IR-Filme waren maximal bis zu dieser Grenze empfindlich und heute sind passender Weise die digitalen Bildsensoren bis zu dieser Grenze empfindlich.
CIR ist, wie das sichtbare Licht, eine optische Strahlung, kann also mit den üblichen Linsen etc. „verarbeitet“ werden.

Elektromagnetisches Spektrum
Elektromagnetisches Wellenspektrum

Bild: Horst Frank / Phrood / Anony
Lizenz: Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Farben entstehen ausschließlich in unseren Köpfen, ausgelöst durch Reizungen unseres Auges mit elektromagnetischen Strahlen bestimmter Wellenlängen. Für IR haben unsere Augen keine Reizempfänger und unser Gehirn folglich auch keine „Farbe“ für Infrarot. Reine Infrarotbilder sind daher stets monochrom, da sie nur Helligkeitsinformationen tragen.

Entdeckung

Wilhelm Herschel enddeckte im Jahr 1800 in England die Infrarotstrahlung. Er zerlegte das Sonnenlicht mit einem Prisma in seine Farben und maß mit einem Thermometer die Erwärmung durch diese, u.U. legte er auch ein Thermometer jenseits des sichtbaren Rots und stellte auch hier eine Erwärmung fest, woraus er auf eine unsichtbare Enegie schloß.

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Infrarotfotografie

Die analoge Infrarotfotografie war sehr aufwändig. Die Filme durften nur in absoluter Dunkelheit gewechselt werden und waren recht wärmeempfindlich. Durch die Unvorhersehbarkeit, wie stark IR in einem Motiv rflektiert/absorbiert wird, ist eine korrekte Belichtung eigentlich nur über Belichtungsreihen zu erhalten.
Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie erlebt die IR-Fotografie grade ein Comeback, da der Aufwand wesentlich geringer ist und so problemlos auch von Amateuren bewältigt werden kannt.

Praktische Nutzung

Genutzt wurde die recht aufwändige Infrarotfotografie zunächst beim Militär und in der Wissenschaft. IR durchdringt Dunst besser als sichtbares Licht und so wurde es für Luftbildaufnahmen herangezogen. Das Militär konnte grüne Tarnungen von echter Vegetation unterscheiden und Wissenschaftler konnten den Zustand von Vegetationen anhand von IR-Bildern beurteilen. Bei Gemälden lässt sich mit IR durch die obersten Farbschichten gucken und so evtl. Vorzeichnungen auf der Leinwand enddecken. Bei der Materialprüfung sind Fehler sichtbar, die sonst unsichtbar bleiben würden. Auch in der Astrofotografie wird das infrarote Spektrum oft zusätzlich mit aufgezeichnet.

Gestalterische Nutzung

Hier geht es nur um die gestaltende Infrarotfotografie.
Sehr beliebt ist die Infrarotfotografiefür Landschaftsaufnahmen.

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Was auf den ersten Blick aussieht wie Winterlandschaften sind doch Sommerbilder. An den Bildern werden einige der typischen Eigenschaften von IR deutlich:

Der Wood-Effekt

Der US-amerikanische Physiker Robert Wood beschrieb als erster vor 1910 das Phänomen, dass Blattgrün im Infraroten strahlend weiß erscheint. Warum das so ist, wird noch immer diskutiert. Als gesichert darf gelten, dass Chlorophyll im Infrarotbereich transparent ist. Dadurch kann IR im Inneren des Blattes reflektiert werden. Hier nun scheiden sich die Geister, die einen sagen, es wird am in der Pflanze enthaltenen Wasser reflektiert, andere meinen am sog. Schwammparenchym im Blatt. Da Wasser IR absorbiert, Wasserdampf IR jedoch relektiert und das Schwammparenchym für den Gasaustausch zuständig ist und Wasserdampf enthält, erscheint es mir plausibel, das IR am Wasserdampf im Parenchym relektiert wird.
Frühlingslaub reflektiert mehr IR als das gleiche im Herbst, saftiges mehr als vertrocknetes, braunes und die Unterseite mehr als die Oberseite.

Klarer, dunkler, bisweilen schwarzer Himmel

Die kurzwellige blaue Strahlung wird ca. 16 mal stärker in der Atmosphäre gestreut als die rote Strahlung, daher ist der Himmel für uns Menschen blau. Das langwellige IR wird nun noch weniger in der Atmosphäre gestreut, daher ist der Himmel schwarz wie das Weltall. Auch durch Dunst wird IR kaum gestreut, so dass die Bild sehr klar wirken.

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Dunkle Wasserflächen

Wasser absorbiert IR sehr stark, daher wirken Wasserflächen sehr dunkel bis schwarz. Dazu kommt, dass das normalerweise von der Oberfläche reflektierte Himmelsblau in IR ebenfalls „schwarz“ ist.

Weiße Wolken

Infrarotstrahlung durchdringt Dunst zwar besser, aber an Wolken, Nebel und dichtem Dampf wird IR reflektiert, im Kontrast zum dunklen Himmel wirken diese gradezu leuchtend.

Weitere Effekte

Mondscheineffekt

War in Zeiten des SW-Kinos sehr beliebt. Um Nachtszenen zu drehen, wurde auf IR-Material gefilmt. Die Szene wirkte nächtlich, obwohl bei strahlendster Sonne gedreht wurde. So sparte man die mühselige Arbeit bei Nacht im Dunklen und eine aufwändige Beleuchtung.

Mondscheineffekt

Dunkelblitz

Hierbei wird im Dunklen mit Blitz fotografiert, wobei das IR-Filter nicht vor dem Objektiv, sondern vor dem Blitz montiert ist. So lassen sich z.B. unbemerkt Fotos von nachtaktiven Tieren machen, die durch den Blitz sonst verscheucht werden würden. Das Filter absorbiert dabei eine große Menge Enegie und bleicht sehr schnell aus. Bei einem meiner Versuche hat es die Filterfolie glatt angeschmort.

Absorption, Reflexion, Durchdringung

Durch die ungewohnte Absorption, Reflexion und Durchdringung von Materialien mit IR-Strahlung entstehen die meisten Effekte, wie wir schon beim stark reflektierenden Laub und dem absorbierenden Wasser gesehen haben. Ungewöhnlich ist auch die Durchdringung von z.B. Sonnenbrillen und Rotwein, die klar erscheinen.

infrarotwein

Portraits/Akt

Die Infrarotfotografie eignet sich auch für ungewöhnliche Portraits. Auf der einen Seite schmeicheln sie dem Portraitierten, denn Hautrötungen sind unsichtbar und die Haut wirkt sehr rein und glatt, allerdings kann es mitunter auch wächsern wirken. Die Augen sind im IR sehr kontrastreich und können daher unangenehm stechend erscheinen. Je nach IR-Intensität, Aufnahmesituation und verwendetem Filter werden Adern unter der Haut sehr stark sichtbar, wogegen nur eine Behandlung in Photoshop hilft. Aufgrund der Hautzeichnung und der (möglichen) verträumten Stimmung von Infrarotaufnahmen werden so auch gerne Aktbilder gemacht. Aus ähnlichen Gründen, aber mit Klamotten, wird die Infrarotfotografie auch gerne für Hochzeitsfotografien benutzt, vor allem in den USA. Bei der Kleidung kann man wieder so manche Überraschung erleben: Der schwarze Hochzeitsanzug erscheint auf den IR-Aufnahmen in einem strahlendem weiß!

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Bekannte IR-Bilder und Fotografen

Das Coverfoto des U2 Albums „The unforgettable Fire“ stammt von Anton Corbijn und hat alle Merkmale einer Schwarz-Weißen IR-Fotografie.
Es gibt auch Falschfarben-Infrarotfilme, die recht psychedelische Ergebnisse liefern, weshalb wohl folgende Musiker sie für ihre Plattencover nutzten: Jimi Hendrix, Donovan, Frank Zappa und Grateful Dead.

Der Fotograf Helmut Hirler hat etliche Bildbände und Kalender mit sehr schönen IR-Fotos herausgebracht. Der italienische Fotograf Elio Ciol benutzt teilweise ebenfalls infrarotsensitive schwarz-weiß Filme.

Internet

Viele Bilder gibt es bei flickr.com und fotocommunity.de zu sehen. Ein enpfehlenswertes, deutschsprachiger Forum ist das Infrarotkombinat.de, auf englisch ist das Forum http://irphotocom.proboards.com. Schöne Bilder und praktische Tips gibts auch bei beyondred.de. Weitere Links in den nächsten Kapiteln, passend zum Thema.

Bücher

Cyrill Harnischmacher: digitale infrarotfotografie, Selbstverlag, 2008, ISBN 978-3-9812293-0-1
Momentan einziges deutschsprachiges Buch zur digitalen Infrarotfotografie. Guter Einstieg.

Günter Spitzing: Moderne Infrarot- und UV-Fotografie, Augustus Verlag, Augsburg 1992, ISBN 3-8043-5494-7
Nur analoge Infrarotfotografie (elektronische Systeme werden angesprochen, aber keine digitalen Kameras, wie wir sie im Jahre 2009 kennen).
Geht sehr in die Tiefe und in die breite und bieten damit eine sehr gute Grundlage für das Verständnis von Infrarot(fotografie).

Joe Farace, Complete Guide to digital infrared Photography, Lark Books, New York, 2007, ISBN 13: 978-1-57990-772-3
In Englisch, leicht geschrieben, guter Einstieg

Patrick Rice, Digital Infrared Photography: Professional Techniques and Images, Amherst Media, 2004, ISBN-10: 1584281448, ISBN-13: 978-1584281443
Englisch, schon etwas älter, viel über Hochzeitsfotografie in IR, ein paar Umbautips, was das interessanteste daran für mich war.

Rudolf Hillebrand, Infrarot – Fotografie auf einer anderen Wellenlänge, Verlag Photographie, Schaffhausen, Schweiz, 1992, ISBN 3-7231-0019-8
Nur Analog, aber auch viele Grundlagen. Schwerpunkt Aktfotografie in IR.

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